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Kaum eine andere sächsische Stadt hat so unter der Pest leiden müssen wie die Muldenstadt Wurzen. Nicht weniger als neunmal wurde sie zwischen 1519 und 1680 von der Pest heimgesucht. Am grässlichsten wütete der schwarze Tod im Jahre 1607. Wurzen hatte damals etwa 5000 Einwohner, der Tod räumte aber in den sechs Monaten - die Seuche wütete vom Mai bis zum November - fürchterlich unter ihnen auf. Am 14. Mai 1607 starb eine aus dem nahen Leipzig krank zurückgekommene Schuhmachersfrau. Damals war die ehrsame Schusterzunft in Wurzen die größte und reichste. Sie hatte vor kurzem erst beschlossen, dass bei dem Tode eines Zunftmitgliedes eine Leichenrede gehalten werden müsse. Die Frau ward mit allem Pomp der Zunft begraben - bei ihr die erste Leichenrede gehalten. Noch ahnte man nicht die Ursache ihres Todes. Da starb gleich darauf der Mann. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Seuche. Die Angst der armen Leute wurde durch allerlei abergläubige Gerüchte vergrößert. Über achthundert Bürger wanderten aus, und selbst die Regierung wendete der unglücklichen Stadt den Rücken und flüchtete nach Schloss Mügeln. Nun baute man über der Mulde drüben auf der Sauweide Hütten aus Weiden und brachte die Kranken dahin. Starb einer, so wurde die Hütte verbrannt und an ihrer Stelle eine neue errichtet. Bald war der schwarze Tod durch fast alle Häuser gegangen. Die furchtbare Hitze des Julimonats erhöhte die Not. Im August erreichte die Seuche ihren Höhepunkt. Und nun kam das hohläugige Gespenst des Hungers dazu. Nur ein einziger Bäcker buk noch Brot. Die Bauern wagten sich nicht in die Stadt und trieben die Bürger aus den Dörfern. Fünf Ratsherren und selbst der Henker wurden eine Beute des Todes. Ganz besonders räumte dieser unter den Kindern auf, von denen in drei Monaten 625 starben. Ende November hörte das große Sterben auf. Sechs Monate hatten die unglückliche Stadt entvölkert und verarmt, so dass der Kurfürst ihr die Landessteuer von 2000 Gulden erlassen musste.
Quelle: Rundblick-Lesebuch, 2. Aufl. 2000, Sax-Verlag, S. 23-25 |